Dominik Criado

January 7, 2023

Das Fediverse als Rettung des Internets?

Elon Musk hat in den letzten Monaten viel für das Internet getan. Er hat einem offensichtlich planlosem Unternehmen (Twitter) die Maske vom Gesicht gerissen und es demontiert. Er wird es nicht mehr zusammenbauen können, aber das ist eine andere Geschichte. Das war aber noch nicht die Heldentat. Twitter-Nutzer, die über Jahre Zeit und Energie in ihr Profil gesteckt haben, wurden mit der harten Realität konfrontiert: Die Nutzer selbst sind zwar das Fleisch und Blut einer sozialen Plattform, haben aber letztlich keine echte Macht.

Die Folge ist ein großer Schub für das Fediverse und insbesondere Mastadon. Die Idee eines dezentralen Zusammenschlusses, der nicht durch eine zentrale Macht gesteuert werden kann, ist eigentlich auch eine logische Weiterentwicklung des Internets. Immerhin ist das technische Fundament seit jeher dezentral. Verteile Computer, die miteinander kommunizieren können und so ein Web bilden. Das Fediverse, bzw. das zugrundeliegende Protokoll ActivityPub, setzen auf die technische Infrastruktur eben noch einen sozialen Layer drauf.

Die Idee ist fantastisch, aber kann es die eigentlichen Probleme des modernen Internets lösen?

  1. Wir haben mit dem Musk-Twitter-Fuckup erkannt, dass ein Ungleichgewicht zwischen den Machtverhältnissen besteht. Die Nutzer sind die Melkkühe im gigantischen Kuhstall. Selbst generierte Inhalte lassen sich nicht zwischen verschiedenen Diensten migrieren, es gibt keinerlei Sicherheiten, was Moderationsregeln, Account-Schließungen oder gar Geschäftsmodelle betrifft. 
  2. Die Kommerzialisierung ist extrem. Geldverdienen ist völlig okay, aber was wir an stupider und wertloser Geldgräberstimmung, Überwachung und werblicher Manipulation im letzten Jahrzehnt erlebt haben, ist zu viel. Die eigentliche Wertschöpfung (im nicht-finanziellen Sinne) ist zu sehr außer Fokus geraten. Es ist ein Spiel weniger Konzerne geworden, die versuchen, den Zugang und die Kontrolle an sich zu reißen. 

Eigentlich kann das Fediverse beide Probleme lindern. Zumindest, was die soziale Vernetzung im Web betrifft. Aber ich befürchte, das ist nur Theorie. In der Praxis lassen sich solche Entwicklungen kaum zurückdrehen. Das Kernproblem ist keines, das sich durch Technologie lösen lässt. Und das Fediverse ist eben erstmal nur das.

Das Internet ist erwachsen geworden und da gehören Monetarisierung und Zentralisierung leider dazu. Die Masse der Nutzer sind faul und gehen meist den Weg des geringsten Widerstands. Also den Weg zu den zentralisierten Angeboten, die den Einstieg einfach und kostenfrei machen, die sich um nervige Dinge wie Moderation und das Einhalten von Regeln kümmern. Oder dies zumindest versuchen – und somit die Verantwortung auf sich nehmen. 

Die jüngere Generation kennt es ja auch nicht mehr anders. Alle, die über 30 sind und sich gerne der Nostalgie des frühen Internets (GeoCities, IRC, Mailing Lists, Blogosphäre ...) hingeben, verkennen, dass dieses Bewusstsein nicht bei jedem gegeben ist.

Das Internet ist schneller und vergänglicher geworden. Es ist kein riesiges Archiv, das sich über Generationen entwickelt und alte Schätze Bestand haben. Es ist eher wie TikTok oder Snapchat. Schnell und kurzlebig. Das Geld wandert und die Nutzer hinterher. Wir sind eine Herde, die sich nach Aufmerksamkeit sehnt und dorthin wandert, wo die meisten (potentiellen) Zuhörer sind. Heute hier, morgen dort.

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