Dominik Criado

December 20, 2022

Der obligatorische "Hey World"-Beitrag

Es gibt etwas auszuprobieren – und ich bin dabei. Das passierte mir in letzter Zeit in der Welt der digitalen Technologien nicht mehr allzu oft. Eine gewisse Sättigung ist erreicht, man springt nicht mehr direkt vom Sofa auf. Aber ChatGPT und HEY.com haben in den letzten Wochen mein Interesse geweckt.

Nein, beide Dienste lassen sich nicht vergleichen. Das eine ist eine beeindruckende Tech-Demo, die vieles in Frage stellt und das andere ist einfach nur ein weiterer E-Mail-Dienst. Über ChatGPT wurde bereits viel geschrieben, wie immer besonders klug von Ben Thompson. Über HEY möchte ich jetzt ein paar Worte verlieren.

HEY ist ein relativ neues Produkt von 37Signals, bekannt durch Basecamp. 37Signals verfolgt einen eher eigentümlichen Ansatz bei der Produktentwicklung: Sie machen Produkte – in erster Linie – für sich selbst. Im Unternehmenshandbuch heißt es dazu:

In 2003, Basecamp was called 37signals and was a web design firm made up of 4 people. We always had work, but we were disorganized. With so many concurrent projects, things began to slip through the cracks. Projects dragged on too long. [...] So we started looking for a project management tool. We tried a few tools, but they were complicated and didn’t fit what we needed. Frustrated, we decided to build our own simple project management app. A few months later we had something ready, and we immediately started using this tool with our existing clients.

Das ist natürlich ein Marketing-Text. Dennoch ist es interessant, dass eine Agentur aus Mangel an guten Alternativen, eine eigene Lösung entwickelt und diese dann öffentlich macht. Wir sehen dazu übrigens gerade einen kleinen Trend im SaaS-Bereich: SCAYLE ist so bei About You entstanden. Spotify hat Backstage erst quelloffen gemacht, um es jetzt zu monetarisieren.

Ich bilde mir ein, dass man es den Produkten auch anmerkt. Es macht einen Unterschied, ob dahinter eine Analyse von Bedarf, Zielgruppe und Markt steckt oder es in der frühen Phase aus Eigenbedarf zusammengebaut wurde. Bei 37Signals wird das gerne "opinionated" genannt. Eigenwillig. HEY und Basecamp sind auf recht spezifische Workflows zugeschnitten. Der Nutzer bekommt nicht allzu viel Anpassungsmöglichkeiten. Bei Basecamp steht der Gedanke der asynchronen Kommunikation im Vordergrund. Als Slack gerade das heiße Ding wurde, hat sich Basecamp klar gegen die schnelle, synchrone Kommunikation positioniert. Ähnlich hat man auch bei HEY den Angriffsmodus gegen Gmail, dem Platzhirsch, gesucht. Gmail bietet alles, was man von einem Mail-Dienst erwartet: Viel Speicher für kleines Geld und einen guten Spam-Filter. Das ist zumindest das bestehende Bild von E-Mail-Diensten. HEY hat dies aufgerüttelt und neu gedacht.

Und das ist vielleicht der zweite Effekt von "ich baue es zuerst für mich". Denkt man vom Markt her, wird die Analyse schnell durchschnittlich. Der "Nutzer" will dies oder braucht jenes. Denkt man von sich selbst, entsteht ein klareres Bild. Wie würde es aussehen, wenn ich es mir von Grund auf selbst stricken könnte? Dazu eine gehörige Portion "David vs. Goliath" und schon entsteht ein "opinionated product".

Ich bin jedenfalls auf den Zug aufgesprungen. Basecamp setzen wir (zumindest in einer Nische) schon seit einiger Zeit bei i22 ein. Und HEY ist jetzt ein privater Feldversuch von mir. Es macht Spaß, die Philosophie hinter einem Produkt durch die Nutzung zu verstehen. Die Marketing-Seiten bringen das oft nicht herüber (wobei hier 37Signals außergewöhnlich gut ist). 

Bei den Angeboten von 37Signals ist es Hop-oder-Top. Entweder der Flow liegt einem oder man muss sich ein flexibleres Produkt suchen. Wo ich mich hier einordne, wird sich erst zeigen. Wichtig ist, ein Stück Tech hat mich mal wieder neugierig gemacht, weil es frisch, frech und durchdacht ist.


– Dominik Criado (dominik@criado.de)

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