Dominik Criado

January 22, 2023

Von sinnlosen und nützlichen Informationsflüssen

Informationen fließen zu jeder Wachzeit um uns herum. Dabei haben wir unsere Tore meist weit geöffnet und nehmen alles auf, was unser Gehirn so mitmacht. Der Mensch, und ein Großteil der Tierwelt, sind darauf trainiert, Signale aus der Umgebung wahrzunehmen. Das ist sicherlich auch hilfreich, wenn man nackig im Dschungel sitzt. Doch der zivilisatorische und technologische Fortschritt haben unsere Umgebung extrem geändert. Wir haben uns eine Umwelt (inklusive einem Wirtschaftssystem, das darauf beruht) aus künstlichen Signalen erschaffen. Die Tore unserer Aufmerksamkeit müssten deswegen mehr wie Schleusen funktionieren, die die medialen Nachrichtenströme priorisieren.

Wer sich dem Tsunami an Nachrichten einfach hingibt, vielleicht sogar bewusst, weil er möglichst gut informiert sein möchte, wird mit einer Masse an konfusen Kenntnisse enden, deren Hälfte er schnell wieder vergisst.

Je oberflächlicher und unreflektierter die Quelle ist, desto mehr sollte wir die Tore für sie eigentlich schließen. Oft tun wir aber das Gegenteil, weil es bequemer ist und wir immer mehr auf die kurzweilige Unterhaltung getrimmt werden.

Mein kleiner Überblick über die verschiedenen medialen Ströme und Quellen:

Fangen wir mit der lautesten und schlechtesten Methode an: dem Rauschen von Social Media. Twitter hat es geradezu zur Produktstrategie gemacht, dass die Inhalte kurz gehalten sind. Sicher, ist da oftmals auch ein weiterführender Link dabei, aber wer klickt ihn schon? Man hat doch keine Zeit vor lauter sich informieren. Social Media ist dafür gestaltet, dass man möglichst oft seine Meinung wiedergibt. Gerne auch mit provokativen Standpunkten. Die Plattformen sind nicht dafür gestaltet, die Nutzer zu animieren, ihre Aussagen abzuwägen, zu belegen oder auch nur zu begründen.

Tagesaktuelle Nachrichten von Spiegel, Tagesschau oder SZ folgen in der Rangliste. Sie sind zumindest mit journalistischem Handwerk erarbeitet und somit verbindlich. Dennoch folgen sie vor allem dem Kriterium Geschwindigkeit. Wer hat die Meldung zuerst gebracht und sie via Push Notifications in den Äther geschickt? Es geht um das reine "Vermelden" von Dingen, die nur wenige Stunden alt sind. Eine Möglichkeit zur Einordnung besteht einfach nicht. Dabei ist Geschwindigkeit nicht wirklich von Vorteil für den Konsumenten. Die meisten Nachrichten haben keinen unmittelbaren Einfluss auf uns und wir keinen auf sie.

Klettern wir weiter die Liste hinauf, aber bleiben bei den konventionellen Medien. Die bestehen natürlich nicht nur aus dem Tagesgeschehen, sondern bieten auch Reportagen und Berichte. Hier sind die Zeithorizonte größer, die Tatsachen liegen mindestens mehrere Wochen zurück. Genug Zeit, damit der Autor nicht nur das Offensichtliche, sondern eben das Hintergründige berichten kann. Und genau dann entsteht echter Mehrwert. Wir wollen nicht nur Augenzeugen der Tatsachen sein, wir wollen verstehen.

Verbleiben noch die zwei Schwergewichte unter den medialen Informationsflüssen: Bücher und akademische Arbeiten. Bücher haben etwas verpflichtendes. Ein Autor ist sich bewusst, dass er ein finales Medium bespielt. Ein Buch hat einen Anfang und ein Ende. Es wird gedruckt und ist in dieser Fassung unveränderlich. Das ist so ziemlich das Gegenteil von einem Live-Ticker auf einer Nachrichtenseite oder ein Facebook-Post nach dem zweiten Bier. Abgesehen davon, dass ich eh ein Fan von Büchern bin, sind sie auch großartig, um Entwicklungen und zeitliche Kontexte zu verstehen. Nimmt man sich ein Sachbuch über Umweltverschmutzung aus den 50er Jahren, versteht man das Handeln dieser Zeitepoche und wie es sich bis heute entwickelt hat.

Ein gutes Sachbuch ist oft auch eine verdichtete und zugängliche Form von hardcore akademischen Erkenntnissen. Ich lese gerade The Shallows von Nicholas Carr. Das Buch führt einen durch die akademische Entwicklung der Gehirnforschung auf unterhaltsame und verdauliche Weise. Es ist kein Thema, was ich mir freiwillig aussuchen würde, aber es wird von Carr ausführlich behandelt, weil es elementar ist, um die Auswirkungen des Internets auf uns zu verstehen. Ein gutes (Sach-)Buch ist wie ein guter Lehrer. Wissenschaft verständlich vermittelt mit allem, was zum wirklichen Verstehen dazu gehört. Also auch Randgebiete und historische Herleitungen. Sicherlich etwas, was man von Social Media nicht erwarten kann, wenn man sich in seiner Echo Chamber vergräbt und von einem Dopamin-Schuss zum Nächsten hechtet.

Ich will auch nicht sagen, dass man sich geistig nur noch von Büchern ernähren sollte. Die Mischung macht es, wie bei allem im Leben. Allerdings werden wir immer weniger zugänglich für alles, was die schnellen Tagesmeldungen hinausgeht. Bei der unkontrollierten Menge an Informationen, lassen wir uns von Bequemlichkeit und leichtem Zugang leiten – und das ist dann eben eher das nächste Tik Tok-Video. Dabei verlieren wir die Fähigkeit zum Überblicken von Ereignissen, Zusammenhänge zu begreifen und eigenständiges Denken zu entwickeln. Wir folgen der Herde wie ein Vogelschwarm und hetzen von einem (eigentlich irrelevanten) Ereignis zum Nächsten. Aufregen ist leichter als Begreifen.

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Halbgare Folklore aus dem digitalen Zeitalter. Mehr erfahren