Oliver Ruhm

June 7, 2021

Der Schnitzelpate

Ich möchte heute die Geschichte meines Freundes erzählen. Es gibt unzählige Geschichten über Freundschaft. Die Freundschaft, und ihre große Schwester, die Liebe, sind siamesische Zwillinge. Das eine geht mit dem anderen einher. Und strauchelt die eine, fällt die andere mit. Und niemals ist eine alleine anzutreffen. Wer behauptet, nur die eine zu treffen, trifft in Wahrheit wahrscheinlich eine ganz andere als die beiden. Mein Freund war so verschieden von mir, wie man nur sein kann. Kennen gelernt haben wir uns, da war ich noch ganz klein.

Ich bin bei meiner Mutter im Stall, liege am Span, an der Zitze, meine Geschwister und ich haben gerade unsere Zeichnung verloren, die bei uns typisch ist. Das ist eine der ersten Erinnerungen, die ich habe: mein Freund besucht uns, und sucht aus allen Geschwistern mich zum Freund aus. Die Freude ist groß, als er mir einen Namen gibt. »Pass gut auf, dass du dir deinen Namen merkst,« mahnt Mama, »denn nur ein Zweibeiniger kann uns einen Namen geben«. Ich bin glücklich. Es ist März, und der Frühling steht vor der Tür.
Bald wachsen wir zu Läufern heran. Alle außer einem Bruder. Der Futtermann brachte ihn weg von uns, und seitdem haben wir ihn nicht mehr gesehen. Wir sind nun nur noch fünf Geschwister, und nur ich habe einen Namen. Die Zweibeiner rufen mich, und lachen, wenn ich komme. Mein Freund besucht mich jede Woche. Er bringt mir Tomaten, Trauben, Apfel-, Kartoffel- und Gurkenschalen. Und ab und zu auch etwas Süßes. In unserem Stall lebt es sich recht knapp – auch wir sind von der Immobilienkrise getroffen, meint der Futtermann. Eine Schwester und ein weiterer Bruder kommen in ein eigenes Abteil, wir beneiden sie. Es ist auch zu viert wenig Platz. Doch mit meinem Freund laufe ich umher, und wir schnuppern die frische Luft im Mai, und wir blinzeln in die Sonne. Mein erster Sommer naht.

Die Marke an meinem Ohr habe ich nun schon zwei Wochen. Sie tut nicht mehr weh. Es ist ein Abzeichen, eine Art Zeichen unserer Verbundenheit, mein Freund hat eine kleine Marke, die ist ganz ähnlich. Er trägt sie in der Tasche. Ich habe keine Tasche, darum hat man sie mir ans Ohr geheftet. Das tut eigentlich nur weh, wenn man hängen bleibt.

»Im Sommer riecht die Welt ganz anders als sonst.« Wir sitzen gemeinsam in der Wiese neben dem Stall, und ich fresse die Maiskörner, die mein Freund mir gebracht hat. Er atmet noch einmal tief ein, und redet weiter. »Die Welt riecht nach einer Parade. Wie ein Triumphzug der Natur. Alles ist ein Fest, ein Taumel in taufeuchten Morgen und warmen Abenden.« Ich nicke, und genehmige mir noch ein paar Körner. »Und die Tage, die Tage enden nie. Und doch ist auch dieser Sommer irgendwann zu Ende.« er klopft mir auf die Rippen. »Lass es dir gut gehen, kleiner Freund.«

Ich bekomme mein eigenes Zimmer. Es ist klein, und die ersten Nächte sind einsam. Ich denke an meine Mama, meine Geschwister und meinen Freund. Sie sind bei mir, auch wenn ich alleine bin. Die Tage werden etwas kürzer, und in der Nacht wird es frisch. Ich singe, um mir die Zeit zu zerstreuen. Mein Freund war schon lange nicht mehr bei mir.

Mein Freund bringt mir etwas besonderes. Er nennt es Wurst. Es schmeckt sehr gut, hastig schlinge ich alles hinunter. »Du isst gerne Wurst, was?« fragt er mich. Ich nicke. »So ähnlich sind wir uns. Weißt du, ich esse unheimlich gerne Wurst. Oder Koteletts, Braten, Schinken, alles feine Sachen.« Ich stelle mir diese Köstlichkeiten vor. Wie mögen die wohl schmecken? Mein Freund sieht mich an und holt tief Luft. Er schüttelt den Kopf und lächelt mich an. Ich lächle zurück. In diesem Augenblick spüre ich unsere tiefe Verbundenheit.

Inserat
Sie machen sich Gedanken über die Herkunft Ihres Fleisches? Sie wollen wissen, was ihr Fleisch gegessen hat? Werden Sie zum Schnitzelpaten! Machen Sie eine Schnitzelpatenschaft und besuchen Sie ihr Schwein sein ganzes Leben lang. In einem halben Jahr erleben Sie, wie es groß wird. Mit rund 100 Kilogramm wird es dann geschlachtet, und nach Wunsch portioniert und gekühlt zugestellt.