Oliver Ruhm

May 7, 2021

Fuck the system?

Ein Graffito auf meinem halbem Weg zwischen Büro und Zuhause fordert seit Jahren „Fuck the system!“ Die Abwehr des Etablierten und der Mechanik unserer Politik und Gesellschaft ist nicht neu. Als Parole der Punks seit den 80ern im Umlauf, gibt es zahlreiche Referenzen. Zum Beispiel die schottische Punkband The Exploited, die ihr achtes Studioalbum so nannten. Der Titeltrack beginnt mit einem halbminütigen Schrei der Empörung, des Protests und der Ablehnung, bevor die altbekannten Gitarrenriffs, Trommeln und Sprechchöre einsetzen.

Werden wir zu dem, was wir verachten? Kann man ein System aus dem Inneren heraus verändern, oder hilft dieser Gedanke uns nur dabei, unseren Erfolg mit unserem rebellischen, jüngeren Ich zu akzeptieren? Geben wir uns selbst auf, wenn wir uns in die Gesellschaft einfügen? Ist es verwerflich, wenn sich unser Bild der Exekutive von der Manifestation der Oppression hin zu dem des Freund und Helfers wandelt? Wenn wir von Behörden, Händlern oder Gastwirten respektvoll behandelt, statt misstrauisch beäugt werden?

Ebenfalls Schotte war und ist Danny Boyle, der 1996 mit Trainspotting einen Junkie-Epos geschaffen hat. Er kramte die altgediente coming of age Schablone hervor, um das Lebensgefühl der Verweigerung erneut zu verewigen. Ich sah den Film mit 16 oder 17 Jahren und er war für mich ein Schlüsselerlebnis. Aber wollte ich final den gleichen Weg gehen wie Renton? Choose life. Choose a family. […] Choose a fucking big television.

Vier Jahre später, 2001, hatte ich selbst die Wahl. Mein Praktikumssemester an der FH stand vor der Tür. ich hatte zwei Zusagen: eine in Zürich. Digitalagentur, Kunden wie Lipton, Landrover, Credit Suisse. Firmenwohnung. 1.300 Franken im Monat Taschengeld. Die andere in Berlin, bei dem Netzkünstler Dextro, den ich immer noch sehr schätze und bewundere. Kein Gehalt. Kostenlos wohnen im besetzten Haus im Osten der Stadt. Keine Kunden, nur Kunst und Code. Meine Wahl fiel auf Zürich. Meine Familie war erleichtert. Mein Bank auch. Zur Halbzeit meines Praktikums entschied ich mich, nach Berlin zu fliegen und Dextro zu besuchen.

ZRH > TXL, der Taxifahrer zieht den Stadtplan raus und blättert. Nach einer halben Stunde Fahrt stehe ich vor dem Haus in der gepflasterten Seitenstraße und klingle beim vereinbarten Namen. Der Eingangsbereich riecht nach Staub und nach Luft, die seit Jahrzehnten durch unzählige Lungen ein- und ausgeatmet wurde. Im zweiten oder dritten Stock betrete ich eine Wohnung mit hohen Decken, Stuck, Staub und Parkett. Renoviert wurde hier schon seit Jahren nicht mehr. Möbel sind eigentlich keine vorhanden, bis auf einen großen Schreibtisch, hinter dem ein kleiner, bärtiger Mann sitzt. Ohne großes Aufheben klappe ich meinen Computer auf und setze mich neben ihn. Er nimmt sich den ganzen Abend Zeit für mich und zeigt mir, wie er seine Kunst aus den Eingeweiden der Computer windet. Auf einmal fühlt sich mein Praktikum in Zürich seltsam und hohl an. Ich schlafe in der Nacht kaum, Pixel und Partikel schwirren vor meinem inneren Auge. Am nächsten Tag kaufen wir Erdbeeren. Dextro erklärt mir, dass er es besser findet, für eine gute Sache zu kämpfen statt gegen eine schlechte. Das brennt sich mir ein.

Verändert sich unser Leben durch unsere Entscheidungen? Vermutlich ja, aber es gibt keine Möglichkeit, das zu überprüfen. Jetzt bin ich 40 und freue mich jedes Mal, wenn mir ein junger Punk über den Weg läuft. Klare Einstellung, fuck the system. Und was kommt danach?