Oliver Ruhm

September 30, 2021

Heldenfarben, Schurkenfarben?

Heute möchte ich, als großer Comic Fan, über das Thema Farbe und Superheldinnen und -helden schreiben. Ich habe da eine Theorie, über die ich gerne mit euch diskutieren würde: nämlich dass die Farbgebung von Comic-Charakteren ganz bewusst ihren persönlichen Merkmalen entsprechend gewählt wurde.


Das Golden Age der Superheldencomics

Im sogenannten Golden Age der Superheldencomics Ende der 1930er und 1940er Jahre erlangten Superman, Batman, Captain Marvel, Wonder Woman und Captain America sehr große Popularität. 1938 erschien die erste Superman-Story im Magazin Action Comics, hier digital nachzulesen. Batman feierte sein Debut im Schwestermagazin Detective Comics #27.


Primär- und Sekundärfarben


Die Druck- und Papierqualität dieser frühen Comics war sehr bescheiden. Aufgrund des hohen Holzgehalts und der rauhen Struktur der Comics war das Papier schwer einpassbar, was zu Farbverschiebungen führte. Zudem wurde aufgrund des schlechten Mediums das damals gebräuchliche Rasterdruckverfahren eingesetzt, wo Sekundärfarben (grün, violett, orange) mit einer Punktrasterung erzeugt wurden. Dies hatte zur Folge, dass die ungerastert gedruckten Primärfarben Gelb, Cyan (Hellblau) und Magenta (Pink) deutlich brillanter erschienen. Besonders schwierig in der Wiedergabe waren aufgrund des geringen Farbauftrags Hauttöne. Rot war, obwohl Sekundärfarbe (Magenta-Gelb) als Farbton gut reproduzierbar und zählt für meine Liste deshalb zu den Primärfarben.

Farbe und Charakter

Ich glaube, dass die Farbgebung reineren Primärfarben den strahlenden Helden vorbehalten ist. Mehrschichtige Chraraktere wie Batman bringen mit ihrer Mischung aus Primär- und Sekundärfarben ihre Ambivalenz zum Ausdruck. Schurken hingegen tragen Sekundärfarben, die im Rasterdruck deutlich weniger leuchtend und texturierter aussahen.


Farbschemata Superhelden (Golden Age)


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Rot-gelb-blau: The Flash (Jay Garrick) © DC Comics, Quelle:  dc.com

Klare Primärfarben – kompromisslos gute Helden:

Rot-gelb-blau
Superman (1938)
Wonder Woman (1941)
The Flash (1940)

Rot-gelb
Captain Marvel (a.k.a. Shazam) (1939)
The Comet (1940)

Rot-blau
Captain America (1941)

Gemischte Primär- und Sekundärfarben – ambivalente Charaktere:

Violett-blau
The Phantom (1936)
Batman (1939)

Orange-Grün
Aquaman (1941)


Farbschemata Superschurken (Golden Age)

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Grün (und später zusätzlich violett): Dr. Doom in Originalfarbe (links) und neu koloriert (mitte und rechts) © DC Comics, Quelle: kleefeldcomics.com

Sekundärfarben – eine Auswahl früher (Super-) Schurken:

Violett-grün
Lex Luthor (1940)
Joker (1940)

Orange-violett
Two-Face (1942)
Mr. Mxyzptlk (1944)
Mad Hatter (1948)

Violett
Catwoman (1940)
Pinguin (1941)

Orange
Clayface (1940)
Scarecrow (1941)


Silver und Bronze Age


Die Farbgebung späterer Superhelden und -Schurken im sogenannten Silver Age (1955-1970) und Bronze Age (1970-1984) ist weniger klar auf die Primär- (Gut) und Sekundärfarben (Böse) einteilbar. Im Rückschluss auf die ständig besser werdende Papier und Druckqualität könnte man vermuten, dass die wachsende Annäherung der  Druckwiedergabe primärer und sekundärer Farben im Offsetdruckverfahren kein Argument für die traditionelle Farbwahl mehr bot. Die Helden- und Schurken-Charaktere späterer Epochen wichen zudem von dem klar polarisierten Gut und Böse ab. Auch das wäre in logischer Folge ein Grund für eine Veränderung der Farbgestaltung. Komplexere Charaktere wie The Hulk, Wolverine, Loki, Venom, Spawn, The Punisher, Lobo oder Deadpool verwischen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Wie im echten Leben?


Anmerkung


Natürlich gibt es von jeder genannten Figur viele unterschiedliche Variationen. Ich habe in den meisten Fällen die Farben der Debut-Kostüme gelistet, außer bei Lex Luthor, der initial kein Kostüm trug. Orange und braun werden oft synonym eingesetzt. Natürlich existieren auch Ausnahmen wie beispielsweise der Erzfeind von Captain America, Red Skull, der mit seinem primär-roten Kopf nicht ins Schema passt – sehr wohl jedoch mit seinem grünen Overall.