Oliver Ruhm

June 5, 2021

Hier kaufen wir Ziegel.

Als Nadine neulich von der Arbeit nachhause kam, erzählte sie mir eine Geschichte, die ihre Arbeitskollegin erlebte. Aus irgendeinem Grund ließ sie mich nicht mehr los (die Geschichte meine ich) und deshalb möchte ich sie hier teilen.

Vor einigen Jahren reiste Nadines Arbeitskollegin Theresa, die in Wirklichkeit ganz anders heißt, gemeinsam mit ihrem damaligen Partner nach Afrika. Eine Hilfsorganisation, zu der ihr Partner gehörte, lud sie beide als Helfer ein. Im Gegenzug hatte Theresa Gelegenheit, die Kultur von Tayo, der in Wirklichkeit auch ganz anders heißt, kennenzulernen. Kaum angekommen, wurden die beiden von Tayos Familie herzlich empfangen und sogleich umfänglich in Familie und Dorfgemeinschaft integriert. Diese Form der Gastfreundschaft erfuhr Theresa zum ersten Mal. Die völlig selbstverständliche und wie beiläufig erscheinende Aufnahme in die Gemeinschaft und das damit verbundene, umfängliche Vertrauen in sie brachte Theresa am Abend, als sie den Zikaden draußen und dem schlafenden Tayo neben sich lauschte, zum Nachdenken. Bis zu diesem Zeitpunkt war sie stolz gewesen auf ihre eigene Gastfreundschaft, denn oft lud sie Freunde aus Wien und München zu sich nach Vorarlberg ein. Sie bekochte und bewirtete, wanderte und demonstrierte ihre schöne Heimat mit Eifer und Freude. Doch im Vergleich mit der bedingungslosen Offenheit und Wärme dieser Gemeinschaft erkannte sie die allgegenwärtige Distanz, die ihrer eigenen Kultur zugrunde lag.

Am nächsten Morgen machten sich Tayo und Theresa auf zur Hilfsorganisation. Sie wurden von Marla, der Leiterin der Organisation, herzlich begrüßt und erfuhren vom Ziel ihres Einsatzes. Eine gemeinschaftlich organisierte Schule sollte erbaut werden. Sie machten sich in Begleitung zweier weiterer Helfer und einigen Mitarbeitern der Organisation auf den Weg zum Bauplatz. Er war ein wenig außerhalb des Ortskerns gelegen und großzügig bemessen. Theresa fragte, ob die Organisation den Bauplatz erworben hatte oder ob er gespendet wurde. Die Leiterin erklärte, dass dieser Platz niemandem gehört hatte. Es war Gemeinschaftsland gewesen und wer beim Bürgermeister einen guten Grund vorbrachte, durfte hier bauen. Nach einer Begehung und dem regen Austausch zu möglicher Platzierung und Ausrichtung der Schule und möglicher Anlagen für Sport, Pausen, Lehrerunterkünfte und Kantine verabredeten sich Marla, Tayo und Theresa für den folgenden Tag an selber Stelle.

Der Tag war wie im Fluge vergangen und als Tayo und sie im Dorf ankamen, neigte sich die Sonne schon dem Horizont zu. Auch an diesem Abend lag Theresa wach und dachte daran, mit welchem Aufwand ein solches Projekt in ihrer Heimat vorbereitet werden musste: Architekturwettbewerbe, Einreichplanungen, Bauverhandlungen, Ausführungsplanung, Statik, Ausschreibung der Gewerke, Anraineranliegen und, und, und. Sie selbst hatte zwar noch nie gebaut, aber in ihrem Job als Sozialarbeiterin war sie bereits in ein, zwei Projekte involviert gewesen. Theresa stand auf und kramte ihren Kindle aus dem Rucksack. Mit ein wenig Glück hatte sie genug Empfang, um sich ein Einsteigerbuch zu suchen, vielleicht so etwas in der Art von „Bauprojektmangement für Dummies“.

Am nächsten Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, brühte Theresa Nescafe mit Flaschenwasser auf. Sie fühlte sich verkatert, obwohl sie keinen Alkohol getrunken hatte. Der mit der nächtlichen Lektüre verbundene Schlafmangel und die ungewohnte Hitze machten ihr zu schaffen. Als Tayo und Theresa mit einer Viertelstunde Verspätung beim Bauplatz ankamen (Theresa machte sich Vorwürfe, dass sie zu spät losgezogen waren) war außer ihnen niemand da. Also setzten sich die beiden in den Schatten einer Akazie und Theresa teilte ihr neu erlangtes Wissen mit Tayo. „Eine sorgfältige Planung ist alles bei einem Bauprojekt. Jede falsche Entscheidung, die wir jetzt treffen, kann später Umsetzungszeit und Projektbudget drastisch beeinflussen.“ Tayo lächelte und umarmte Theresa. „Ich freue mich, dass du dich so ins Zeug legst für die neue Schule.“

Nach einer halben Stunde angeregter Diskussion im Schatten der Akazie bog schließlich ein staubiger grüner Pritschenwagen um die Ecke. Marla lehnte sich aus dem Fenster und winkte Tayo und Theresa zu sich. „Die anderen warten schon auf uns, springt rein!“ rief sie. Kaum waren die beiden an Bord, legte sie den ersten Gang ein und rumpelte zurück auf die Straße. „Entschuldigt meine Verspätung. Ich musste noch den Wagen hier ausleihen. Seid ihr bereit für euren Einsatz?“ fragte sie und musterte Theresa von der Seite, während sie über die staubige Straße in Richtung der nächstgelegenen Stadt bretterte. Theresa erzählte ihr von ihrer Vorbereitung. „Ich bin gespannt auf die Planungskommission und natürlich hoffe ich, dass ich auch aktiv etwas beitragen kann. Auch wenn ich natürlich weder Architektin noch Planerin bin.“ Marla nickte entschieden. „Jeder bringt seinen Beitrag, da bin ich ganz sicher.“ Sie wechselte ohne zu blinken die Spur und nahm, unter protestierendem Gehupe, die Ausfahrt gerade noch rechtzeitig. Kurz darauf bog sie zu einem weitläufigen Areal mit einigen Hallen Baufahrzeugen ein. Vor rostfleckigen Tor einer Halle parkte sie und stellte den Motor ab. „Treffen wir hier die Bauträger?“ fragte Theresa, während sie über den Platz gingen. Marla schaute Theresa überrascht an. „Nein, hier kaufen wir Ziegel.“

An diesem Abend schliefen Tayo und Theresa selbst wie zwei Ziegelsteine. Zu sechst hatten sie das erste Gebäude der Schule abgesteckt und die erste Ziegelreihe gelegt. Für mehr als diese erste Reihe reichten weder Zeit noch Budget aus. „Morgen ist wohl Fundraising-Tag!“ verkündete Marla und verteilte einige Hausaufgaben an die versammelte Mannschaft. Wer kennt einen Installateur? Wer kann den Strom zur Baustelle legen? Wer hat einen Betonmischer in der Familie?

Dreiundzwanzig Tage später bedankten sich Theresa und Tayo bei ihrer Gastfamilie. Mit der gleichen natürlichen Herzlichkeit und ganz ohne große Worte trennten sich ihre Wege am Dorfrand. Theresa bat Tayo, am Weg zum Flughafen noch einmal kurz an der Baustelle zu halten. Sie wollte sich von Marla verabschieden. Marla umarmte Tayo und Theresa. Ihre Haare waren zusammengebunden und ihr Gesicht rot vom Ziegelstaub. Gemeinsam mit ihrem Team war sie gerade dabei, eine weitere Ladung Ziegelsteine vom Prtischenwagen (diesmal ein weißer Iveco) abzuladen. „Vielen Dank für eure Hilfe und gute Heimreise. Wenn ihr das nächste Mal hier seid, könnt ihr die Pausenglocke läuten!“ 

Ein knappes Jahr später schickte Marla ihr über WhatsApp ein Bild von der neuen Schule. Ganz fertig war sie nicht, aber Lehrer und Schüler ließen sich von einigen fehlenden Türen oder Fenstern nicht  abschrecken. „Statt Turnunterricht helfen die Schülerinnen und Schüler jeden Tag eine Stunde auf der Baustelle mit!“ schrieb Marla. Theresa nahm sich vor, bald das Angebot wahrzunehmen, die Pausenglocke eigenhändig zu läuten.