Oliver Ruhm

March 24, 2021

Kreativität ist die begrenzte Ressource

Die menschliche Kreativität war über Jahrtausende durch die jeweils verfügbaren Werkzeuge und soziale Umstände beschränkt. Rohstoffe wie Pigmente und Farben waren wertvoll, Werkzeuge wie Pinsel, Messer, Meißel rar und erforderten eine jahrelange Übung bis zur Meisterschaft in ihrem Bereich. Kreativität stand seit Urzeiten in den Diensten der geistigen und weltlichen Autorität und Phantasie wurde, je nach Epoche, sogar mit dem Tod bestraft. Hexerei, Ketzerei, Aufwiegelung der Massen und kategorische Verdammung der Kunstschaffenden waren in Europa (und anderswo) der Dank für freie Kreativität.

Erst im 20. Jahrhundert und nicht zuletzt als Reaktion auf die Verbreitung der Fotografie befreite sich die darstellende Kunst von der Abbilding der Realität. Dennoch blieben die Tools dieselben: langsam trocknende Ölfarben, aufwändige grafische Reproduktions- und Druckprozesse und seltene Rohstoffe.

Mit dem Macintosh und der Erfindung von Werkzeugen wie Illustrator und Photoshop in den 1980ern und 1990ern ging das Zeitalter des traditionellen graphischen Gewerbes zu Ende und die Gestaltung löste sich immer mehr von mechanischen, organisatorischen und chemischen Begrenzungen.

Und heute haben wir unglaubliche Werkzeuge: unser iPad ersetzt ein ganzes Mal-Atelier, das Handy macht Fotos und Videos, die analoge Profikameras übertreffen. Die Möglichkeiten digitaler Manipulation der Realität (AR) und Synthetisierung räumlicher Szenen und Objekte (CGI, 3D-Printing) sind enorm. In jeder Hosentasche stecken tausendfach mehr Rechenpower und Kreativwerkzeuge als vor einigen Jahren vorstellbar war.

Gibt es denn noch ein Limit? Wodurch werden wir noch beschränkt? Wo bleibt die kreative Revolution? Warum sind wir nicht alle Künstler vom Format von Hieronymus Bosch, Wassily Kandinski und Vincent van Gogh?

Die letzte Grenze ist unsere eigene Vorstellungskraft. Die Menschen müssen jetzt liefern. Keine Ausreden mehr. In unserer Zeit gibt es keine Argumentation mehr von wegen „das geht nicht“ oder „mir fehlt das notwendige Material/Geld/Werkzeug“. Wir kommen nicht mehr in den Kerker, wenn wir unsere Fantasie entfesseln und verlieren auch nicht unser Gesicht vor der Gesellschaft. 

Wir sind eingeschüchtert von all den Möglichkeiten. Ich hoffe, wir können gemeinsam lernen, zu erblühen. Aufzuleben. Kreativ zu sein. Unser Potential endlich zu entfalten.