Das Narrativ hat jeder gelesen, der etwas mehr online unterwegs ist: Immer mehr Wrestler und Promotions nutzen KI für Entrance Themes, Grafiken und Video. Immer mehr insbesondere in diesen Bereichen tätige Personen verteufeln das lautstark. Absolut verständlich, denn: Das ist eine potenzielle Bedrohung für ihre Tätigkeitsfelder.
Zugleich verstehe ich jeden Veranstalter, der das nutzt. Im Spannungsfeld zwischen der Erwartungshaltung, das jede im Promotionumfeld tätige Person vernünftig bezahlt werden sollte, und der Kritik an hohen Ticketpreisen, die die einzige wirtschaftlich nachhaltige Möglichkeit dafür darstellen würden, muss jeder Wrestlingveranstalter ohne internen oder externen Geldgeber die Kunst des Managements von unzureichenden Ressourcen meistern. KI spart potenziell Zeit und Geld - zwei typisch knappe Ressourcen.
Ich frage mich, ob die genannten lauten Stimmen KI allgemein kritisieren oder nur, weil es den eigenen Fachbereich betrifft. Es ist absolut akzeptiert, dass wir zahlreiche Jobs KI-gestützt erledigen anstatt sie outzusourcen. Wenn wir eine Übersetzung benötigen, nutzen wir dafür KI und nicht den professionellen Übersetzer. Wenn wir einen Text verbessert haben möchten, nutzen wir dafür KI und nicht den Copywriter. Wollen wir juristische Dinge recherchieren, dann nutzen wir dafür erstmal KI und nicht direkt den Anwalt. Bei der Buchhaltung arbeiten wir natürlich mit automatischer Erkennung und KI-gestützten Prozessen. Die Beispiele sind mannigfaltig. Ich bin mir relativ sicher, dass mit Ausnahme absoluter Hardliner wenige der Leute, die KI-gestützte Poster und Themes kritisieren, Einwände gegen KI-Einsätze in diesem Feld haben. Dann allerdings ist deren Kritik primär Protektionismus.
Wir können uns alle daran erinnern, wie diese automatisierten Tools vor auch nur drei Jahren ausgesehen haben, wie qualitativ schlecht das war und wo wir heute stehen. KI ist hier und wird nicht mehr verschwinden. Das Zurückdrehen der Zeit wird nicht funktionieren. KI wird aus den Lebensbereichen, in denen sie präsent ist, nicht wegzudenken sein. Wer diese Denkweise heute vertritt, liegt so richtig wie die Menschen, die damals den Computer im Büro als unnötig bezeichnet haben, weil man alles auf Papier erledigen kann.
Unsere Herausforderung mit KI ist deren Einsatz. Die Kunst liegt im richtigen Prompt und im Wissen, was KI ist und was sie nicht ist. Sie ist ein wahnsinnig fähiger und hilfreicher Assistent/Mitarbeiter, wenn man sie richtig führen kann, wenn man weiss, was man ihr (nicht) delegiert, wenn man ihre Arbeitsergebnisse kritisch überprüft und wenn man am Ball bleibt und verfolgt, wie sie sich weiterbildet.
Am Ende bleibt es ein Mensch, der Entscheidungen treffen wird - inklusive der Entscheidung, was er delegiert und was er wie intensiv kontrolliert. Für die Qualität eines Outputs jedes Unternehmens und damit auch jeder Wrestlingliga stehen Menschen gerade. Die Ausrede, dass eine veröffentlicht Grafik schlecht und fehlerbehaftet ist, weil KI sie generiert hat, ist lächerlich. Die Entscheidung zur Kontrolle und zur Veröffentlichung hat ein Mensch getroffen und nicht der Computer.
Selbstverständlich gibt es schlechte KI-Produktionen, die veröffentlicht werden. Es gibt aber auch schlechte Humanproduktionen, die seit Jahren veröffentlicht werden. In beiden Fällen ist es für mich schlechter Stil, als selbst in einem Bereich tätige Person über die Arbeit anderer öffentlich schlecht zu schreiben. Ob ein Mensch etwas selbst (am Computer, also so oder so mit Hilfsmitteln) oder KI-gestützt erstellt hat, zählt am Ende für Künstler und nicht für die breite Masse. Was zählt, ist das Ergebnis.
Über den Einsatz von KI zu lamentieren, ändert die Entwicklung nicht. Wer die mit Frustration und negativen Kommentaren verbrachte Zeit nutzt, um zu lernen, wie er in seinem Bereich KI-gestützt Zeitersparnisse bei gleichbleibender Qualität realisieren kann, der gewinnt. Zeit für zusätzliche Projekte. Zeit für ausführliche Gedanken, die im Arbeitsstress zu kurz kommen. Freizeit. Alles davon ist wertvoll. Dazu schult er ein Skillset, das in unserer Gesellschaft unabdinglich sein wird. Wer das nicht tut, verschwendet seine Zeit und verliert den Anschluss - denn andere tun das.
Analoge Romantiker werden sich im Wrestling weiterhin zuhause fühlen, denn das, was in den Hallen im Ring passiert, ist ultimativ menschengemacht. Da stehen Sportler und Entertainer in Personalunion, die live vor einer Crowd in einem Ring performen. Eine Live-Wrestling-Show kann jede Menge Technik drumherum haben und kann KI-gestützte Prozesse in der Verwaltung, im Kundenservice, im Ticketing, im Design, in der Bewerbung uvm. im Hintergrund besitzen - aber das, was live in der Halle passiert, ist ausschliesslich durch Menschen darstellbar. Am Ende bleibt das, was von vielen Menschen despektierlich als Fake bezeichnet wird, das Realste von allem.